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Die hohe Kunst der Kirchturmsanierung

Konvex und konkav gebogene Biberschwanzziegel

St. Martin in Heimertingen/Unterallgäu: die „gute Stube“ der Gemeinde nach der Renovierung.

Der neueingedeckte Turm von St. Martin mit dem erzbischöflichen Kreuz auf der goldenen Weltkugel.

Hohe Schule der Handwerker- und der Zieglerkunst: keine einzige gerade Linie.

Die Herausforderung außergewöhnlicher Dachformen: Konvexe und konkave CREATON-Biber machen es möglich.

Die historische, 250 Jahre alte Eindeckung: viel Patina und die Würde des Alters, aber auch viel Flickschusterei.

Hohe Schule der Zimmermannskunst: historischer Dachstuhl.

Auf dem Rundbogen über der Turmuhr wurden die Biber in ein rötlich eingefärbtes Mörtelbett eingelegt.

Gesamtkunstwerk: Zimmermanns-, Blechner- und Dachdeckerarbeit.

Zwiebeltürme sind typisch süddeutsch-barock. Ein besonders schöner steht in Heimertingen, einer oberschwäbischen 1.700-Einwohner-Gemeinde bei Memmingen an der Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Die Kirche St. Martin ist das weithin sichtbare Wahrzeichen des Ortes. Nun wurde der Turm neu eingedeckt. Das Besondere daran: Hier kamen naturrote Biberschwanzziegel von CREATON zum Einsatz, die in Handarbeit einzeln konvex bzw. konkav gebogen wurden. Also eine produktionstechnische und handwerkliche Herausforderung der besonderen Art.

 

Die Heimertinger Pfarrkirche St. Martin – ein typischer Vertreter des oberschwäbischen Barock – wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in ihrer heutigen Form errichtet und 1753 geweiht: ein Kirchenschiff mit Satteldach, einer angebauten Chorapsis mit halbem Kegeldach und daran seitlich angelehnt der Turm mit dem seinerzeit topmodernen Zwiebeldach. Und dieses nicht in der kugeligen Variante, sondern auf Basis eines Vierecks, das durch schmale Eckflächen zum Achteck wird und sich nur in der Vertikalen rundet. Die Kirche ersetzte einen kleineren Vorgängerbau, der ebenfalls dem heiligen Martin von Tours geweiht war und dessen älteste Teile wohl aus romanischer Zeit stammen. Aus dieser Zeit hat sich auch der Sockel des Turms erhalten, von dem noch eine alte Darstellung mit Satteldach existiert. Das Ensemble von Kirche und Pfarrhof steht unter Denkmalschutz.

 

CREATON-Dach – 40 Jahre langzeitbewährt

Das Dach des Kirchenschiffs wurde bereits 1966/67 mit den Biberschwanzziegeln „SAKRAL“ im Geradschnitt von CREATON eingedeckt. Da diese Eindeckung auch nach 40 Jahren immer noch einen Topzustand aufweist, empfahl sich der Hersteller aus Autenried nun auch für die im Rahmen der Komplettsanierung des Turmes anstehende Dachsanierung. Denn die ältesten Teile des Turmdaches waren immerhin ca. 250 Jahre alt und stammen aus der Entstehungszeit. Weitere Teile wurden im Jahre 1867 renoviert. Insgesamt machte der optisch schlechte Zustand des vielfach geflickten historischen Ziegeldachs eine Neueindeckung erforderlich. Während die Sanierung des Satteldachs des Hauptschiffes vor etwas über 40 Jahren noch „Routine“ war, forderte der Kirchturm das ganze Können von Handwerker und Hersteller gleichermaßen. Denn die unten bauchige und oben spitz zulaufende Form der Zwiebel ist zwar mit Blechen noch vergleichsweise einfach einzudecken, nicht aber mit Tondachziegeln.

„Im Falle von St. Martin hatte der denkmalpflegerische Befund das Nachdenken über diese Frage erleichtert“, so Helmut Striegel von der Kirchenverwaltung. „Das alte Turmdach war mit Ziegeln ausgeführt worden, das neue sollte ebenfalls ein Ziegeldach sein.“ Dabei entschied man sich wie schon bei der Sanierung des Hauptschiffes für naturrote Biberschwanzziegel von CREATON – dieses Mal allerdings für das Modell „KLASSIK“. Die untere Denkmalpflegebehörde hatte die Eindeckung zwar freigestellt, förderte aber die denkmalgerechte Variante mit einem zusätzlichen Zuschuss.

 

Biberschwanzziegel in Handarbeit

Der ausführende Dachbaubetrieb Max Bader aus Gessertshausen setzte sich mit Malte Petersen, Leiter der Anwendungstechnik von CREATON, zusammen. Der sah sich die Sachlage an Ort und Stelle an. „In diesem Fall haben wir“, so Malte Petersen, „ein Aufmaß gemeinsam mit dem Handwerker vor Ort erstellt, die Krümmung der Zwiebel vermessen, die Zahl der erforderlichen Biber berechnet und dann die 18/38 Biberschwanzziegel speziell auf dieses Dach gebogen und in der nötigen Menge hergestellt. Im größeren bauchigen Teil der Zwiebel kamen konvexe, im oberen Dachbereich dann auch konkave Biber zum Einsatz – jeder dieser 9.000 Ziegel wurde zwischen Schnitt und Trocknung aus dem Produktionsprozess herausgenommen und von Hand gekrümmt, also quasi in Handarbeit hergestellt.“

 

Meisterhafte Handwerksarbeit

Da die Rundungen der Zwiebel vertikal verlaufen, konnte die Trag- und Konterlattung horizontal gerade aufgebracht werden. Dabei wurden die Ziegel im Halbverband verlegt. Eine der kniffligen Stellen war die Ausführung des Dachknicks in Traufnähe. Hier wurden die Biber unten eingebunden. Zusätzlich wurde der Übergang mit 2 mm starkem Blei-Brustblech ausgeführt. Links und rechts der Grate wurden noch Gratnoggen aus Blei eingelegt.

Eine besondere Herausforderung war an dieser exponierten Stelle auch die Sturmsicherung, insbesondere bei den überhängenden Dachteilen, wo „die Schwerkraft gegen den Dachdecker“ arbeitet. Jeder einzelne Ziegel wurde mit zwei Schrauben im Untergrund fixiert. Auch die Firstziegel an den acht Graten wurden zusätzlich verschraubt. „Die Grate haben wir mit rötlich eingefärbtem Mörtel unterlegt“, erzählt Dachdeckermeister Max Bader. „Zusätzlich wurden sie in der Überdeckung mit Edelstahlschrauben befestigt. Und als dritte Sturmsicherung haben wir sie noch sichtbar mit Edelstahl-Spenglerschrauben mit Dichtscheibe verschraubt.“

 

Fazit

Sowohl das vor vierzig Jahren renovierte Dach des Kirchenschiffs als auch die 250 Jahre alten Originalziegel auf der Kirchturmzwiebel sind ein schöner Beleg für die Langzeitbewährung des Tondachziegels. Das macht die Entscheidung nachvollziehbar, bei der Turmdachsanierung trotz etwas höherer Kosten auf den Naturbaustoff Ton und nicht auf die Kupferblechvariante zu setzen. Das optische Erscheinungsbild der Kirche mit allen Dächern in keramischer Qualität „aus einem Guss“ spricht dabei für sich.

 

Bautafel:

Objekt:
St. Martin, Heimertingen/Unterallgäu

Bauherr:
Kath. Kirchenstiftung St. Martin, Heimertingen

Planung:
IAB Spindler GmbH & Co. KG, Dinkelscherben

Ausführung:
Max Bader GmbH & Co. KG, Gessertshausen

Produkte:
9.000 Biberschwanzziegel „KLASSIK“ naturrot, konkav und konvex

Fläche:
150 m²

Hersteller:
CREATON AG, Wertingen

 

04.05.2011